Mehr „vorgetäuschte Infrastruktur“ – Gudvanger Straße, Berlin

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf meinem englischsprachigen Blog im Mai 2015.

Redaktionelle Mitarbeit: Daniel Pöhler
Übersetzung des niederländischen Videos: Bart Jan Davidse

Seit ich in Deutschland lebe, kenne ich ein Schild, das hier auf einigen Straßen steht. Es sieht so aus:

Schild für verkehrsberuhigten Bereich

Vertragt euch! (Quelle: Wikipedia)

Es markiert den Beginn eines „verkehrsberuhigten Bereichs“. Das bedeutet:

  • Fußgänger dürfen die Straße in ihrer ganzen Breite benutzen.
  • Kinderspiele sind überall erlaubt.
  • Der Fahrzeugverkehr muss Schrittgeschwindigkeit einhalten.
  • Die Fahrzeugführer dürfen die Fußgänger weder gefährden noch behindern; wenn nötig müssen sie warten.
  • Die Fußgänger dürfen den Fahrverkehr nicht unnötig behindern.

Es gibt auch ein paar Parkbeschränkungen, aber die Botschaft ist: Dies sollte ein Ort für Menschen sein, die kein Fahrzeug führen.

Aber wie beim letzten Beitrag über „vorgetäuschte Infrastruktur“ in Berlin wird auch dieses Zeichen auf Kfz-Durchfahrtswegen verwendet und ist dann völlig nutzlos.

Das blaue Verkehrsschild habe ich in ganz Berlin gesehen. Doch Kinder habe ich dort noch nie spielen sehen. Auch sehe ich dort keine Leute gemütlich zu Fuß gehen. Die sogenannten verkehrsberuhigten Bereiche sind alles Abkürzungen für rasende Autofahrer.

Hier ist ein Beispiel in der Nähe, wo ich wohne. Auf der einen Seite der Straße gibt es einen Park, auf der anderen Seite eine Schule:

Ein sogenannt "verkehrsberuhigte Bereich" in Berlin. In realität, eine Durchfahrtsstraße

Die Behörden hatten erkannt, dass es hier ein Problem gab, denn die derzeitige Situation ist besser als im Jahr 2008. Es gibt neue Fahrradbügel, und die Straße wurde verschmälert. Die Verengung schreckt wohl einige Autofahrer ab, weil sie unter Umständen erst den Gegenverkehr passieren lassen müssen. Aber das ist eindeutig nicht gut genug:



Die verkehrsberuhigende Wirkung ist sehr schwach. Ich kann nicht verstehen, warum dieser Abschnitt nicht vollständig und dauerhaft für Kfz gesperrt wurde. Es gibt an dieser Stelle keine Notwendigkeit für eine Durchfahrtsstraße, da zwei Parallelstraßen existieren, die bereits Durchfahrtsrouten in beide Richtungen sind.

Selbst die Kinder vor Ort erkennen das Problem. Sie haben Nachrichten an die Autofahrer mit Kreide auf die Straße geschrieben, zum Beispiel „Schritttempo“, „spielen erlaubt“ oder „3 – 7 km/h“:

Kinder haben '3-7 kmh' mit Kreide auf die Fahrbahn geschrieben. Sie versuchen, Autofahrer zu langsamer machen.

Die Kinder erkennen, was die Kommune nicht sieht.

Ich finde das echt traurig.

Die Kinder sagen uns, dass hier ein Problem vorliegt. Sie erkennen, dass es ein Verkehrsproblem gibt – aber die Stadt hört nicht zu. Also versuchen die Kinder ihr Bestes, um das Problem zu lösen, auf die einzige Art und Weise, die sie kennen.

Dann werden ihre Kreidebotschaften von den Reifen der vorbeifahrenden Autos ausradiert.

Zum Glück nehmen einige Anwohner die Kinder ernst und haben eine wöchentliche „Spielstraße“ eingerichtet. Die Veranstaltung findet jeden Dienstag statt. Hoffen wir, dass sie zu einer dauerhaften Veränderung führt.

(Aktualisierung: Leider war eine einzige Anwohnerin gegen die Spielstraße. Daraufhin hat das Verwaltungsgericht das Projekt vorerst gestoppt – und entschieden, dass die Straße weiterhin nur zum Ölverbrennen da ist.)

Vielleicht wurden die Anwohner von den Kindern in Amsterdam 1972 inspiriert?

„Du kannst immer wieder fragen bei der Kommune, aber wenn die nichts macht, dann musst du es selber machen.“ (Die ganze Geschichte ist hier, auf Englisch.)

 

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Mehr „vorgetäuschte Infrastruktur“ – Gudvanger Straße, Berlin

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